Unsere Dozenten zu Gast in Europa


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VHS und Balkan – oder was macht man im Winter am Gardasee

(Anja von Richthofen)

Tanzen zum Beispiel.

Seit einigen Jahren veranstaltet die italienische Tanzorganisation FARE das Wintertanzfestival „Balkanot“ in Castelletto di Brenzone am Gardasee. Zwischen Neujahr und Dreikönig kommen zirka 70 Folk-Tänzerinnen und Tänzer aus ganz Europa und den USA zusammen, um sich auszutauschen und neue Tänze zu lernen. In diesem Jahr lud der Organisator Roberto Bagnoli, der selbst israelische Tänze unterrichtet, Stephen Kotansky aus den USA ein, der ein ausgewiesener Experte für Balkantänze ist, sowie Caspar Bik aus den Niederlanden, der sich intensiv mit Tänzen der Schwarzmeer-Regionen beschäftigt.

 

Was hat das aber nun mit der VHS Pfullingen zu tun?

Sehr viel. Denn seit diesem Jahr haben die VHS-Dozentinnen und Dozenten die Möglichkeit eine Erasmus-Förderung zu bekommen, wenn sie an Weiterbildungsmaßnahmen im europäischen Ausland teilnehmen. Als eine der ersten „Glücklichen“ habe ich das Angebot angenommen und bin zum Tanzen und Lernen nach Italien gefahren. Die Antragsstellung war erstaunlich unkompliziert und dank der guten Beratung und Unterstützung seitens der VHS Pfullingen hat alles hervorragend geklappt.

Und so bin ich nach Neujahr über die Alpen an den Gardasee gereist. Ich war sehr positiv überrascht von der Organisation des Festivals, so persönlich und freundlich wurde ich selten willkommen geheißen. Mein Ziel war ja vorrangig, neue Tänze zu lernen, die ich dann hier vor Ort meinen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern weitergeben kann. Dieses Ziel wurde mehr als übererfüllt, es wurden so viele schöne Tänze unterrichtet, dass wir die nie im Leben alle tanzen können.

Außerdem habe ich den Tanzlehrern ein wenig „auf die Füße“ geschaut und mir die ein oder Anregung für meinen eigenen Unterricht mitgenommen. Aber ich habe auch viele gute Gespräche mit Tänzerinnen und Tänzern aus Italien, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und USA gehabt. Wir haben Erfahrungen ausgetauscht, gefachsimpelt und Kontakte geknüpft.

Da zeigt sich auf jeden Fall, dass Tanzen eine universelle Sprache ist! Und wenn wir so im Kreis stehen und alle sich mit den gleichen Schritten zur Musik bewegen, da sind wir eine große Gemeinschaft und gehören zusammen, egal, welchen Beruf oder sozialen und kulturellen Hintergrund man hat.

Mein Fazit: Erasmus und die VHS Pfullingen passen wunderbar zusammen und wir Dozentinnen und Dozenten sollten uns die Chance, über den Tellerrand zu schauen, nicht entgehen lassen.

 

Wie war es denn nun aber konkret vor Ort?

Wir tanzten in der Turnhalle des „Garda Family House“, einer kirchlichen Einrichtung mit Gästehaus, Schule, Kirche, Pflegheim und Hospiz.

Die Unterrichtssprache war englisch mit italienischer Übersetzung und das Leistungsniveau der Teilnehmenden war „fortgeschritten“, d.h. es waren sehr viel Tanzlehrerinnen und Tanzlehrer dabei sowie erfahren Israel- und BalkantänzerInnen.

Entsprechend intensiv waren die Unterrichtseinheiten; die drei Lehrer wechselten sich ab und unterrichteten jeweils in einem Block von 1-1,5 Stunden 2-5 Tänze (je nach Komplexität). Es gab morgens und nachmittags Unterricht und abends „Party“.

„Party“ meint, dass sich die TeilnehmerInnen Tänze wünschen konnten, die dann bis weit nach Mitternacht getanzt wurden. Das heißt, da wurde nichts erklärt, sondern nur getanzt und das war eine interessante Herausforderung sowohl an die Kondition, als auch an die geistige Aufnahmefähigkeit.

Didaktisch arbeiteten die Lehrer mit verschiedenen Methoden. Zumeist wurden Schrittübungen und Vereinfachungen der Tänze gleich zur Musik getanzt. Hin und wieder wurden auch Bewegungsabläufe vorab „trocken“ und „Schritt-für-Schritt“ eingeführt.

Für das Tanzenlernen ist es am Effektivsten, wenn die Verbindung von Bewegung und Musik sofort erfolgt. Somit haben die Tanzenden gleich einen Zugang zu dem Tanz und können die Schritte und Bewegungen verinnerlichen, haben das Gefühl, dass sie gleich richtig tanzen und fühlen sich bestärkt und motiviert. Wichtig ist auch, das kontinuierliche Wiederholen des Gelernten. Das heißt, dass neue Tänze mehrfach und zu einem späteren Zeitpunkt erneut getanzt werden. Nur so festigen sich die Kenntnisse und der Tanzspaß kommt zum Tragen.

Spezielle Tanzkleidung, abgesehen von bequemer Kleidung und Tanzschuhen, gab es auf diesem Seminar nicht.

Für die bulgarischen Tänze hatten wir Tanzgürtel. Durch diese Tanzfassung, man greift immer die Gürtel der Nachbarn, erreicht man eine enge Kreistanzform und die Gruppe bewegt sich sehr synchron. Der Tanzgürtel kann ein einfacher Ledergürtel sein; ich hatte ein Tuch umgebunden, was auch gut funktioniert hat und zudem schick aussah.

 

Zum Unterricht gehören natürlich auch die Informationen über die jeweiligen Tänze: In welchen Regionen werden sie getanzt? Von welchen Bevölkerungsgruppen? Welche Inhalte haben die Lieder? Was bedeuten die Bewegungen? Was sind die primären, traditionelle Instrumente? Auf welche stilistischem Merkmale kommt es besonders an? …

Immer wieder kam zur Sprache, dass Kultur - also Lieder, Tänze, Sprache, Brauchtum – viel älter ist, als die aktuellen politisch-nationalen Ländergrenzen. Es wird deutlich, welche Wanderbewegungen einzelne ethnische Gruppen unternommen haben, wo sie vertrieben wurden, wo sie siedeln durften und wo sie durch andere Ethnien dominiert wurden. Ein Stück „Kultur“ haben sie zurückgelassen und „ihre Kultur“ in der neuen Heimat oder unter der Herrschaft Anderer bewahrt. Sie hinterlassen den Anderen also ihr Spuren in Form von Liedern, Musik und Tanzbewegungen und nehmen selbst neue Impulse auf.

Es ist ein extrem spannendes Thema, zum Beispiel nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei Tänzen verschiedener Regionen Anatoliens zu suchen, die kurdische, türkische, armenische, lazische oder griechische Hintergründe haben.

Klar wird dabei auf jeden Fall, dass „Kultur“ keine Ländergrenzen kennt. Das Thema des „grenzenlosen Tanzens“ kam immer wieder hier zur Sprache. In vielen Liedern hört man die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Heimat und den Wunsch nach Sicherheit und Frieden. Es gibt Lieder, da singen Türken, Kurden und Armenier gemeinsam als Zeichen, dass Krieg und Diktaturen es nicht schaffen können und dürfen, die Menschlichkeit und das Verständnis untereinander zu zerstören.

Ein anderes Thema ist auch immer wichtig: ist es ein traditioneller Tanz oder eine Choreografie. Ein sehr weites Feld!

In Kurzform: richtig alte, also über Jahrhunderte hinweg ununterbrochen getanzte Tänze gibt es sehr, sehr wenige. Am ehesten finden wir diese in regional abgrenzbaren, ethnischen Minderheitsgruppierungen im dörflichen Kontext.  Z.B. bei den Lazen oder den Kurden.

Die meisten Tänze, das gilt für fast alle mittel- und nordeuropäischen Tänze, sind „wiederbelebt“. D.h. die ursprünglichen Kreistänze sind im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen, wurden verdrängt, vergessen oder verboten. Aufzeichnungen existierten von den traditionellen Tänzen kaum, weil sie im Volk getanzt und somit durch Tanzen weitergegeben wurden und nicht gelehrt und gelernt wurden, wie wir es uns heute vorstellen. Auch Musikaufzeichnungen gibt sehr wenige.

Um Neunzehnhundert gingen verschiedene TanzlehrerInnen europaweit auf Spurensuche und befragten alte Tänzer und Tänzerinnen nach ihren Erinnerungen und zeichneten deren Tänze auf. Viele dieser Tänze, auch Paartänze, werden heute als „traditionell“ bezeichnet und dürfen nur so und nicht anders getanzt werden. Ob die Erinnerungen der „Alten“ tatsächlich so vollständig waren und die aufgezeichneten „Sprünge“ und Bewegungen dann früher, in jungen Jahren, tatsächlich so vollführt wurden … darüber lässt sich trefflich spekulieren.

Viele Tanzlehrer choreografieren Tänze im Sinne der jeweiligen Traditionen, d.h. sie nehmen typische Schritte, Stilelemente und Bewegungsmuster der jeweiligen Regionen und setzen sie zu neuen Tänzen zusammen.

Im Bereich der israelischen Tänze kann man ja nun gar nicht auf Traditionen zurückgreifen. Mit Gründung des Staates Israel wurde versucht, eine kulturelle und Nationalidentität zu schaffen. Es setzte ein ungeheuer kreatives Choreografieren von Tänzen ein, das bis heute anhält.

Nochmal ein Fazit: Mein „Balkanot-Aufenthalt“ war also neben dem sehr intensiven Tanzenlernen vor allem auch ein Ausflug in die Komplexität der europäischen Tanzkultur. Und was ich mir tatsächlich davon mitnehme, ist der Wunsch nach gegenseitigem Verstehen und Akzeptieren.